Es war eigentlich ein gutes Kennenlerngespräch. Die Kandidatin oder der Kandidat war fachlich interessant, menschlich sympathisch und du hattest am Ende des Gesprächs sogar das Gefühl: Das könnte passen. Ihr habt euch ausgetauscht, Fragen gestellt und vielleicht schon darüber gesprochen, wie es im nächsten Schritt weitergehen könnte.

Und dann passiert genau das, was im Recruiting niemand gerne erlebt: Funkstille. Keine Rückmeldung, keine Absage, keine Frage, kein „Danke für das Gespräch“. Einfach nichts mehr.

Natürlich kannst du jetzt sagen: „Na ja, dann sollen sich Kandidat:innen eben melden. Das gehört sich schließlich.“ Oftmals ist es aber ratsam, sich trotzdem einmal genauer anzuschauen, was in diesem Gespräch eigentlich passiert ist. Denn manchmal liegt die Antwort auf die Funkstille gar nicht bei den Kandidat:innen, sondern bei dir als Recruiter:in oder Hiring Manager:in.

Das erwartet dich

In diesem Beitrag schauen wir uns drei mögliche Gründe an, warum sich Kandidat:innen nach einem eigentlich guten Kennenlerngespräch nicht mehr melden. Dabei geht es vor allem um Fragen, die du dir selbst stellen kannst, bevor du die Verantwortung direkt bei den Kandidat:innen suchst.

Denn eines solltest du dir immer vor Augen führen: Du führst das Gespräch nicht nur, um herauszufinden, ob die Person zu euch passt. Die Kandidatin oder der Kandidat sitzt genauso da und versucht herauszufinden, ob ihr zu ihr oder ihm passt. Und genau das wird im Recruiting gerne einmal vergessen.

1. Wie viel hast du im Kennenlerngespräch eigentlich selbst geredet?

Fangen wir mit einer ziemlich einfachen Frage an: Wie viel hast du eigentlich gesprochen und wie viel hat die Person vor dir gesprochen? Und damit meine ich nicht nur dich als Recruiter:in, sondern auch den Hiring Manager oder alle anderen Personen, die bei dem Gespräch dabei waren.

Denn gerade wenn wir von unserem Unternehmen überzeugt sind, erzählen wir natürlich gerne davon. Wir sprechen über die Stelle, die Aufgaben, die Projekte, die Benefits, die Unternehmenskultur und darüber, warum es bei uns eigentlich so toll ist. Das ist ja auch grundsätzlich nichts Schlechtes. Nur kann es schnell passieren, dass aus einem Kennenlerngespräch eine ziemlich lange Unternehmenspräsentation wird.

Und dann sitzt da eine Person, die am Ende sehr viel über euch weiß, während ihr eigentlich erstaunlich wenig über sie erfahren habt. Vielleicht hat sie zwar ihren Lebenslauf erzählt und ein paar Fragen beantwortet, aber wirklich herausgefunden, was sie antreibt, was ihr bei einem Arbeitgeber wichtig ist und was sie eigentlich sucht, habt ihr vielleicht gar nicht.

Ich hatte vor Kurzem wieder einen Austausch genau zu diesem Thema. Und eine der Fragen, die dabei hängen geblieben ist, war eigentlich ganz simpel: Wer hat in eurem Gespräch wie viel geredet? Wenn du nach einem Gespräch einmal ehrlich darüber nachdenkst und feststellst, dass ihr den überwiegenden Teil der Zeit gesprochen habt, dann könnte das zumindest ein Hinweis sein.

Denn vielleicht hat die Person während des Gesprächs gar nicht das Gefühl bekommen, dass ihr sie wirklich kennenlernen wolltet. Vielleicht hatte sie eher das Gefühl, dass ihr ihr euer Unternehmen verkaufen wolltet. Und wenn das so ist, dann kann es durchaus passieren, dass sie nach dem Gespräch zwar freundlich „Danke“ sagt, danach aber für sich entscheidet: Das ist nichts für mich.

Deshalb würde ich beim nächsten Kennenlerngespräch tatsächlich einmal bewusst darauf achten. Nicht nur darauf, was ihr fragt, sondern auch darauf, wie viel Raum ihr Kandidat:innen gebt. Ein gutes Gespräch sollte schließlich nicht daran gemessen werden, wie viel ihr über euch erzählen konntet, sondern daran, wie viel ihr wirklich voneinander erfahren habt.

2. Wurden die Erwartungen erfüllt, die du vorher geweckt hast?

Der zweite Punkt ist aus meiner Sicht mindestens genauso spannend. Denn bevor Kandidat:innen überhaupt bei euch zum Kennenlerngespräch sitzen, haben sie bereits ein Bild von eurem Unternehmen im Kopf. Dieses Bild entsteht durch eure Stellenanzeige, durch eure Nachrichten im Active Sourcing, durch eure Karriereseite, durch Social Media und natürlich durch alles, was ihr im bisherigen Recruiting-Prozess erzählt habt.

Vielleicht habt ihr von einer tollen Unternehmenskultur gesprochen. Vielleicht von einem super Team, spannenden Projekten, flexiblen Arbeitszeiten oder besonders guten Benefits. Vielleicht habt ihr Kandidat:innen auch vermittelt, dass bei euch alles unkompliziert und modern läuft. Und dann kommt diese Person zu euch ins Unternehmen und erlebt plötzlich etwas ganz anderes.

Vielleicht weiß zunächst niemand, dass sie überhaupt zu einem Gespräch kommt. Vielleicht steht sie fünf Minuten am Empfang und wartet darauf, dass sie jemand abholt. Vielleicht ist der Hiring Manager nicht vorbereitet und schaut sich den Lebenslauf erst kurz vor dem Gespräch an. Und vielleicht besteht das Gespräch dann zu einem großen Teil daraus, dass die Person ihren Lebenslauf noch einmal von vorne erzählt.

Natürlich kann so etwas passieren. Nicht jedes Gespräch läuft perfekt und auch in Unternehmen arbeiten Menschen, die mal einen schlechten Tag haben oder etwas übersehen. Aber wenn die Realität regelmäßig deutlich von dem abweicht, was vorher kommuniziert wurde, solltest du dich fragen, welchen Eindruck das bei Kandidat:innen hinterlässt.

Denn irgendwann entsteht vielleicht das Gefühl: „Moment mal, das wurde mir aber anders erzählt.“ Und genau da wird es kritisch. Nicht weil jedes Versprechen zu hundert Prozent erfüllt werden muss, sondern weil Kandidat:innen sehr schnell merken, wenn zwischen eurer Kommunikation und der tatsächlichen Erfahrung eine ziemlich große Lücke liegt.

Dein Recruiting-Prozess ist schließlich der erste echte Kontakt eines Menschen mit eurem Unternehmen. Wenn du in der Stellenanzeige von Wertschätzung sprichst, sollte diese Wertschätzung auch im Gespräch spürbar sein. Wenn du eine offene und unkomplizierte Kultur versprichst, sollte der Bewerbungsprozess nicht unnötig kompliziert und unpersönlich sein.

Und deshalb lohnt sich nach einem Gespräch, bei dem danach Funkstille herrscht, auch diese Frage: Was haben wir vorher versprochen und was davon hat die Person tatsächlich erlebt? Vielleicht findest du dort eine Antwort, mit der du zunächst gar nicht gerechnet hast.

3. Haben sich Kandidat:innen bei euch wirklich wertgeschätzt gefühlt?

Der dritte Punkt hängt eng mit den Erwartungen zusammen, geht aber noch ein bisschen weiter. Denn am Ende geht es nicht nur darum, ob die Informationen aus der Stellenanzeige gestimmt haben. Es geht auch darum, wie sich Kandidat:innen während des gesamten Gesprächs bei euch gefühlt haben.

War der Hiring Manager vorbereitet? Wusste er, mit wem er da eigentlich spricht? Hat er sich mit dem Profil beschäftigt und Fragen gestellt, die über „Erzähl doch noch einmal etwas über deinen Lebenslauf“ hinausgehen? Oder hatte die Person vielleicht eher das Gefühl, dass sie einfach einen weiteren Termin in einem vollen Kalender darstellt?

Das sind Kleinigkeiten, aber genau solche Kleinigkeiten bleiben hängen. Gerade bei Menschen, die aktuell nicht dringend auf einen neuen Job angewiesen sind, können sie am Ende den Unterschied machen. Denn wenn eine gute IT-Kandidatin oder ein guter IT-Kandidat mehrere Optionen hat, muss er oder sie sich nicht nur fragen, ob er oder sie fachlich zu euch passt. Die Person wird sich auch fragen, ob sie überhaupt bei euch arbeiten möchte.

Und natürlich können wir jetzt darüber diskutieren, ob es trotzdem unhöflich ist, wenn sich jemand danach einfach nicht mehr meldet. Ich finde schon, dass man sich zurückmelden sollte. Wenn du kein Interesse mehr an einer Stelle hast, kannst du das sagen. Das gehört aus meiner Sicht einfach zum normalen Umgang miteinander.

Aber nur weil Ghosting auf Kandidat:innenseite nicht professionell ist, heißt das noch lange nicht, dass wir uns als Unternehmen nicht fragen sollten, warum es überhaupt dazu gekommen ist. Vielleicht hat die Person ein anderes Angebot bekommen. Vielleicht hat sie sich anders entschieden. Vielleicht war sie auch einfach nicht interessiert genug. Es kann aber genauso gut sein, dass sie sich bei euch nicht wirklich gesehen oder wertgeschätzt gefühlt hat.

Und genau deshalb finde ich die Frage viel spannender, was wir aus dieser Situation lernen können. Wenn sich Kandidat:innen nach einem Gespräch nicht mehr melden, kannst du dich natürlich darüber ärgern. Du kannst aber genauso gut einmal den eigenen Prozess anschauen und überlegen, ob ihr an irgendeiner Stelle dazu beigetragen habt, dass diese Person keine Lust mehr auf einen weiteren Kontakt hatte.

Das ist kein Vorwurf und auch keine Garantie dafür, dass sich danach jede:r Kandidat:in wieder meldet. Es geht vielmehr darum, die Perspektive einmal zu wechseln. Denn ein guter Recruiting-Prozess sollte nicht nur dafür sorgen, dass Kandidat:innen zu einem Gespräch kommen. Er sollte auch dafür sorgen, dass sie danach gerne weiter mit euch sprechen möchten.

Die 5 häufigsten Fragen zum Thema

Warum melden sich Kandidat:innen nach einem guten Kennenlerngespräch nicht mehr?

Dafür kann es natürlich ganz unterschiedliche Gründe geben. Vielleicht hat die Person ein anderes Angebot angenommen, vielleicht hat sich ihre persönliche Situation verändert oder vielleicht war das Interesse tatsächlich doch nicht so groß, wie es im Gespräch den Eindruck gemacht hat.

Es kann aber eben auch am Gespräch selbst oder am Recruiting-Prozess liegen. Deshalb würde ich nicht automatisch davon ausgehen, dass Kandidat:innen einfach unzuverlässig sind. Manchmal lohnt es sich, die eigene Seite einmal genauso kritisch anzuschauen.

Wie viel sollte ein:e Recruiter:in im Kennenlerngespräch sprechen?

Dafür gibt es keine magische Prozentzahl. Es geht nicht darum, dass du mit einer Stoppuhr neben dir sitzt und nach exakt 40 Prozent Redeanteil aufhörst zu sprechen.

Wichtiger ist, dass tatsächlich ein Gespräch entsteht. Kandidat:innen sollten ausreichend Gelegenheit haben, über ihre Erfahrungen, ihre Motivation, ihre Erwartungen und ihre Fragen zu sprechen. Wenn du nach dem Termin merkst, dass ihr eigentlich die ganze Zeit erzählt habt, wäre das zumindest ein guter Anlass, beim nächsten Mal bewusster Raum zu geben.

Was kann ich tun, wenn der Hiring Manager im Gespräch zu viel redet?

Zunächst einmal würde ich das Thema überhaupt ansprechen. Viele Hiring Manager meinen es gar nicht böse, wenn sie ausführlich über ihr Team, ihre Projekte oder die Position erzählen. Sie wollen schließlich die Stelle attraktiv machen und Kandidat:innen möglichst viele Informationen geben.

Trotzdem sollte klar sein, dass ein Kennenlerngespräch keine reine Präsentation des Fachbereichs ist. Eine kurze Vorbereitung mit ein paar guten Fragen und einer klaren Rollenverteilung kann hier bereits sehr viel verändern.

Was passiert, wenn Stellenanzeige und Realität nicht zusammenpassen?

Dann kann schnell Vertrauen verloren gehen. Wenn Kandidat:innen aufgrund eurer Kommunikation mit bestimmten Erwartungen ins Gespräch kommen und dort eine komplett andere Realität erleben, fragen sie sich möglicherweise, was davon eigentlich stimmt.

Deshalb lohnt es sich, regelmäßig zu prüfen, ob eure Candidate Experience zu dem Bild passt, das ihr nach außen vermittelt. Was du im Recruiting versprichst, sollte sich im persönlichen Kontakt auch wiederfinden.

Ist es unprofessionell, wenn Kandidat:innen nach dem Gespräch ghosten?

Ja, ich finde schon, dass eine kurze Rückmeldung zum guten Umgang miteinander gehört. Wenn jemand kein Interesse mehr hat, kann die Person das sagen, und gerade in einem professionellen Recruiting-Prozess sollte das eigentlich selbstverständlich sein.

Trotzdem würde ich die Sache nicht dabei belassen. Wenn dir immer wieder gute Kandidat:innen nach einem Kennenlerngespräch abhandenkommen, solltest du dir anschauen, was in eurem Prozess passiert. Denn vielleicht steckt hinter der Funkstille ein Muster, das du bisher einfach noch nicht gesehen hast.

Fazit: Ein Kennenlerngespräch ist keine Einbahnstraße

Wenn sich ein:e Kandidat:in nach einem eigentlich guten Kennenlerngespräch nicht mehr meldet, ist die Versuchung groß, die Sache schnell abzuhaken. „Dann war er oder sie halt nicht interessiert“ oder „Dann hat die Person eben ein anderes Angebot genommen“ sind schließlich einfache Erklärungen. Und manchmal stimmen sie natürlich auch.

Trotzdem würde ich beim nächsten Mal ein bisschen genauer hinschauen. Frag dich, wie viel ihr selbst gesprochen habt, welche Erwartungen ihr vorher geweckt habt und ob die Person diese Erwartungen bei euch tatsächlich wiedergefunden hat. Und vor allem: Frag dich, ob sich die Person auf der anderen Seite des Tisches wirklich wertgeschätzt gefühlt hat.

Denn das Entscheidende ist: Ein Kennenlerngespräch ist keine Einbahnstraße. Du prüfst nicht nur, ob Kandidat:innen zu deinem Unternehmen passen. Die Kandidat:innen prüfen in genau diesem Moment genauso, ob dein Unternehmen zu ihnen passt.